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Geschichte
Eine Bahn schreibt Geschichte
05.05.2005: Die Menschenmenge, die die Jungfernfahrt der neuen Vinschger Bahn erleben möchte, ist unüberschaubar, Musikkapellen und Vereine begrüßen den mit Honoratioren besetzten Zug.
Doch so neu wie die Bahn ist dieses Bild im Vinschgau nicht. Knapp 99 Jahre zuvor, am 1. Juli 1906, standen die Ururgroßväter der heutigen Bahnbegeisterten an der Strecke und Erzherzog Eugen winkte aus dem ersten Zug, der den Bahnhof von Meran Richtung Mals verlassen hatte. Vergessen schienen 15 harte Jahre, die vom Traum einer neuen europäischen Ost-West-Verbindung, von der Planung, dem Kampf um die Finanzierung und letztendlich dem Bau der neuen Bahnstrecke geprägt waren. Gewaltig waren die Eindrücke, die die neue Bahn hinterließ, übergroß war die Freude über die nagelneuen Tenderloks, die Personenwagen der ersten und dritten Klasse, die viermal täglich zwischen Meran und und Mals pendelten.
Und groß war auch die Hoffnung der Vinschger, dass die neue Bahn Fortschritt und Wohlstand ins Tal bringen würde - zu Recht, denn bald schon schwappte der Touristenstrom über die Kurstadt Meran hinaus in den Vinschgau, zog das Ortlermassiv die Scharen an, wurden Hotels aus dem Boden gestampft. Bis der erste Weltkrieg, der große Krieg in den Bergen, dem Traum ein jähes Ende setzte. Die Vinschgerbahn transportierte nun nicht mehr Touristen und Gäste, sondern Soldaten, keine Bergausrüstung, sondern Waffen - und wurde zur wichtigsten Nachschublinie für die Süd-West-Front in Fels und Eis.
Wie der Krieg ausgegangen ist, ist bekannt. Im November 1918 übernahmen die italienischen Staatsbahnen den Betrieb der Vinschger Bahn, setzten Jahre später, dafür aber Jahrzehnte lang, die berühmt-berüchtigte "Littorina", Glanzstück faschistischer Eisenbahnerkunst und Alptraum so mancher Zugpassagiere, im Vinschgau ein. Für viele Vinschger bis heute eine verhasst-verklärte Verbindung mit Meran, Bozen und dem Rest der Welt.
Ende der 80er Jahre wurden die Gerüchte über eine Stilllegung immer lauter, ja bereits seit 1961 stand dieses Thema zur Debatte. Doch nun schien kein Weg an einer Stilllegung der Vinschger Linie vorbei zu führen. Die italienischen Staatsbahnen waren fest entschlossen, ihre Strukturen zu verschlanken und "trockene Äste" vor allem in der Peripherie abzusägen. So auch im Vinschgau, in den am 9. Juni 1990 der letzte Zug rollte.
Der letzte Zug der alten Ära. Denn die neue begann bereits Ende der 90er Jahre mit der Übernahme der Bahnstrecke durch das Land Südtirol, das fortan Tunnels sanierte, Brücken erneuerte, die gesamte Strecke auf den neuesten Stand brachte, modernstes Rollmaterial ankaufte und am 05.05.2005 den ersten Zug nach Mals schickte. Eine neue Eisenbahn-Ära im Vinschgau hatte begonnen und auch eine neue Ära im öffentlichen Nahverkehr in Südtirol.

Broschüre:
100 Jahre Vinschger Bahn (1906-2006)
von Sebastian Marseiler
Wussten Sie, dass die Vinschger Bahn ursprünglich als Teil eines groß angelegten Schienenprojekts war, das England und Indien miteinander verbinden sollte? Warum daraus dann doch nichts geworden ist, wie es der Bahn und den Menschen im Tal im Laufe eines Jahrhunderts ergangen ist und wie sich die Vinschger Bahn zu einem europaweiten Vorzeigemodell im Personennahverkehr gemausert hat, das hat Autor Sebastian Marseiler in unterhaltsamer und anschaulicher Form in der Broschüre "100 Jahre Vinschgerbahn" festgehalten. Aus einer Vielzahl an historischen Dokumenten, aus vielen Erlebnissen und Erzählungen lässt der Autor Geschichte und Geschichten rund um die Vinschger Bahn Revue passieren: Die anfänglichen Pläne, der erste Festzug am 1. Juli 1906 im Beisein von Erzherzog Eugen, die militärischen Aufgaben der Bahn in den Kriegswirren, der Übergang des ehemaligen altösterreichischen Bahntreibs an die "ferrovie dello stato", die Einstellung des Bahnbetriebes im Jahr 1992, die erfolgreichen politischen Bemühungen zur Wiederbelebung der Trasse bis hin zur ersten Fahrt der neuen Vinschger Bahn am 05.05.2005 - All das wurde in die handliche Broschüre verpackt, mit alten und neuen Bildern, mit Humor und vielen Seitenblicken.
Die Broschüre ist erhältlich in der Landesabteilung für Mobilität, Crispistraße 8, Bozen, Tel. 0471 413401
